Michael, 57, Dipl.-Betriebswirt

Meine Mutter starb im April 2021 – nicht an Corona. Sie lebte zu Hause, der Pflegedienst kam am Morgen und am Abend, und eigentlich war alles gut. Dann brach morgens beim Waschen ihr Kniegelenk. Die Pflegerin, die bei ihr war, rief mich gleich an – als ich ankam, war ein Herzinfarktteam eines Rettungsunternehmens vor Ort – meine Mutter lag im Badezimmer auf dem Boden. Das Team war ziemlich pikiert, dass sie zu einer alten Frau gerufen wurden, die keinen Herzinfarkt hatte, sondern einfach nur ein gebrochenes Kniegelenk. Nach einer Stunde lag meine Mutter immer noch auf dem Boden, das Team war immer noch überfordert – oder unterfordert, wie man es sehen will. Sie fragten aber nach der Krankenkassenkarte meiner Mutter. Ich sagte dann nur, darüber können wir reden, wenn ihr es endlich geschafft habt, (sie waren zu dritt…), meine Mutter in euren Rettungswagen zu bekommen. Die Situation – alle mit Masken – erinnerte mich mehr an einen Bankraub als an einen Rettungseinsatz.

Ich durfte nicht zu meiner Mutter

Gut, sie kam dann ins Krankenhaus. Ein Besuch war wegen Corona unmöglich. Sie überstand die Operation am Montag darauf und es ging ihr soweit gut. Zu ihr hinein konnte ich immer noch nicht, und das mit dem Telefon am Bett hatte das Krankenhaus auch nicht hinbekommen. Rief man an – musste man mit der Zentrale telefonieren, die verband mit der Station, und wenn die gerade Zeit hatten, ging jemand mit dem Telefon zu meiner Mutter ins Zimmer.

Am Donnerstag kamen bei meiner Mutter noch Bauchschmerzen hinzu – sie wurde nochmals operiert – und überstand auch dies. Abends rief mich das Krankenhaus an, die Nierenwerte meiner Mutter würden sich negativ entwickeln, ich solle besser mal das Telefon mit ans Bett nehmen.

Nicht mal beim Abschied waren wir allein

Es kam, wie es kommen musste, das Telefon ging nachts um 0:30 Uhr. Ich fuhr ins Krankenhaus – mitten in der Nacht – und bekam auf der Intensivstation einen Corona-Test. Ich saß nachts allein auf dem Gang, 15 Minuten, bis das Testergebnis vorlag. Dann wurde ich in ein Zimmer geführt, dort war helles, grelles Neonlicht, meine Mutter lag in einem Bett. Überall waren Schläuche, und zwei Ärztinnen standen dabei und gingen nicht einmal aus dem Zimmer, als ich mich von meiner Mutter verabschiedete. Ich hatte nicht mal die Möglichkeit, mich allein von meiner Mutter zu verabschieden. Es war nie ihr Wunsch, in einem Krankenhaus im grellen Neonlicht zu sterben – das weiß ich – denn diesen Wunsch hat wirklich so gut wie niemand. Ich habe sie seit dem Tag, an dem sie mit dem Krankenwagen abgeholt wurde, nicht mehr sehen können, und hatte nur zweimal die Möglichkeit, kurz am Telefon mit ihr zu sprechen.

Ich musste sie im Stich lassen

Mich verfolgt es heute noch, dass man in der Coronazeit nicht mal im Krankenhaus zu seinen nächsten Verwandten durfte, und dass der Sterbeprozess alles andere als menschenwürdig war. Ich dachte immer, sowas passiert nur in unterentwickelten Gesellschaften, wurde aber leider eines Besseren belehrt. Dass Corona hier über die Menschenwürde gestellt wurde, werde ich diesem Staat nie vergessen – was hätte denn passieren können? Umbringen konnte ich sie schlecht. Nachdem ich gegangen war, wurden die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt und um 4 Uhr morgens verstarb meine Mutter.

Mir geht es heute, eineinhalb Jahre später, immer noch nach, dass ich meine Mutter unter solchen unwürdigen Bedingungen sterben ließ, sie regelrecht im Stich lassen musste. Aber ich hatte keine andere Möglichkeit, als das in dem Moment damals zu akzeptieren. Vielleicht würde ich heute versuchen, es anders zu machen – aber ich glaube, auch ein Versuch, sie noch zum Sterben nach Hause zu bekommen, wäre damals nicht erfolgreich gewesen.

Empathie- ein Opfer der Maßnahmen

Ich habe mich immer gefragt: die Ärzte in den Krankenhäusern haben doch auch Eltern und Angehörige, die müssen sich doch vorstellen können, wie es wäre, wenn sie selbst jemanden verlieren? Sie würden es auch nicht so wollen – aber es wurde halt so durchgezogen. Oft habe ich erkennen dürfen, dass, wenn ein System unwürdig und schwachsinnig ist, die Menschen einen Weg finden, es zu umgehen. Das hat auch etwas mit Menschlichkeit und Empathie zu tun – beides war hier nicht mehr vorhanden. Empathie wurde „wegverstaatlicht“ – und es wurde einfach mitgemacht, ohne mal darüber nachzudenken, was man anderen Menschen damit antut.